Silvester kracht es, so geht’s richtig - ein Interview mit der Feuerwehr Hamburg über Einsätze, Präventionstipps, Unfallarten und Erste-Hilfe-Maßnahmen für Eltern

Von Christin Matthies | 28. Dezember 2019

Luftheuler, Knallfrösche, Böller oder Raketen - diese und weitere Feuerwerkskörper gibt es seit heute wieder in teilnehmenden Märkten zu kaufen. Wie wir bereits am 7. Dezember zum diesjährigen Tag des brandverletzten Kindes unter dem Motto „Verknallt an Silvester“ berichteten, bergen die bunten Leuchtkugeln und Krachmacher auch Gefahren für Erwachsene und Kinder. So beginnt für viele Rettungskräfte wie die Feuerwehr Hamburg ab heute wieder die wohl einsatzreichste Zeit des Jahres.

Doch wie sieht bei der Feuerwehr Hamburg so eine Silvesternacht eigentlich aus? Wie oft rückt sie aus? Um was für Einsatzarten handelt es sich dabei? Welche Unfälle sind durch einen falschen Umgang mit Feuerwerkskörpern möglich? Und wie sollten sich Erwachsene und Kinder im Brandfall verhalten? Darüber haben wir mit Dennis Diekmann, Pressesprecher der Feuerwehr Hamburg, gesprochen. Einige wichtige Sicherheits- und Präventionstipps hat er im Interview gleich mit im Gepäck - für einen guten Start ins neue Jahr!

Lieber Herr Diekmann, wie oft rückt die Feuerwehr in einer Silvesternacht im Durchschnitt aus?

Das ist ganz unterschiedlich. In den letzten fünf Jahren konnten wir in der Silvesternacht in einem Erfassungszeitraum von jeweils 18.00 Uhr abends bis 6.00 Uhr morgens zwischen 954 bis 1.152 Einsätze verzeichnen. Im Durchschnitt ist die Feuerwehr Hamburg in den vergangenen fünf Jahren damit rund 1.041 Mal ausgerückt. Die Silvesternacht ist für uns traditionell die härteste und einsatzreichste Nacht des Jahres. Wir stehen mit einem Großaufgebot von Berufs- und Freiwilliger Feuerwehr bereit, damit die Hamburger einen möglichst sorgenfreien Jahreswechsel erleben können. Wenn doch einmal etwas schief geht, sind wir da!

Was für Einsätze sind das in der Regel? Und welche werden am häufigsten gefahren?

Als Einsätze erfassen wir Brände, Technische Hilfeleistungen und Rettungsdienste. Bei den Bränden handelt es sich in der Silvesternacht vornehmlich um sogenannte „kleine Feuer“ wie brennender Unrat oder Müllcontainer. Gefolgt von Bränden auf Balkonen. Diese stellen für uns eine größere Bedrohung dar, da hier die Gefahr besteht, dass das Feuer auf die Wohnung übergreift. Aus diesem Grund werden diese Einsätze auch immer mit einem größeren Kräfteaufgebot bearbeitet. Schauen wir auf die Verteilung der Einsatzarten können wir den Löwenanteil bei Rettungsdiensten verzeichnen. Was viele nicht wissen: Diese hohe Anzahl kommt deshalb zustande, da in Hamburg jeder Notruf unter der 112 bei der Feuerwehr eingeht und wir uns entsprechend kümmern. Insofern machen Brände in der Statistik den zweitgrößten Einsatzanteil aus. Inwieweit die Rettungsdienste mit Bränden oder einem fehlerhaften Umgang mit Feuerwerkskörpern miteinander in Verbindung stehen, lässt sich jedoch nicht sagen.

Anzahl und Art der Einsätze der Hamburger Feuerwehr in den letzten fünf Jahren

(jeweils im Erfassungszeitraum von 18.00 Uhr bis 6.00 Uhr)

  • 2014/2015: 1018 Einsätze gesamt, 219 Brände, 15 Techn. Hilfeleistungen, 769 Rettungsdienst
  • 2015/2016: 991 Einsätze gesamt, 250 Brände, 7 Techn. Hilfeleistungen, 734 Rettungsdienst
  • 2016/2017: 1091 Einsätze gesamt, 271 Brände, 3 Techn. Hilfeleistungen, 817 Rettungsdienst
  • 2017/2018: 954 Einsätze gesamt, 217 Brände, 10 Techn. Hilfeleistungen, 727 Rettungsdienst
  • 2018/2019: 1152 Einsätze gesamt, 335 Brände, 8 Techn. Hilfeleistungen, 809 Rettungsdienst

Worauf sollten Eltern beim Kauf von Feuerwerkskörpern für ihre Kinder achten?

Eltern sollten darauf achten, dem Kindesalter entsprechende und nur geprüfte Feuerwerkskörper zu kaufen. Diese verfügen über eine Prüfnummer der Bundesanstalt für Materialforschung und -prüfung, kurz BAM. Nicht geprüfte und illegal eingeführte oder auch selbst gebastelte Knallkörper stellen eine große Gefahr dar. Sie können schwerste Verletzungen verursachen, im schlimmsten Fall sogar tödlich enden.

Prüfnummern erkennen und richtig lesen, Bild: BAM

Worauf sollten Eltern, Kinder und Jugendliche beim Umgang mit Feuerwerkskörpern achten?

Im Umgang mit Feuerwerkskörpern sollten Eltern einiges berücksichtigen: Zunächst sollten sie mit ihren Kindern über die Gefahren von Silvesterböllern reden und auch mit der Abgabe von Böllern verantwortungsbewusst umgehen. Feuerwerkskörper der Kategorie F2 - dazu gehören Raketen, Batterien, Bengalische Lichter, Fontänen, Heuler etc. - haben zum Beispiel in den Händen von Kindern und Jugendlichen nichts zu suchen.

Außerdem sollten Eltern als gutes Beispiel vorangehen: Feuerwerkskörper wie Donnerschläge oder Böller nie in der Hand halten, sondern auf den Boden legen, Handschuhe anziehen und mit „langem Arm“ anzünden. Anschließend 8 m Sicherheitsabstand halten.

Auch Raketen sollten nie aus der Hand gezündet werden. Auf ebenerdigem Boden stehende Flaschen sind dafür am besten geeignet. Ebenfalls sollte die Rakete so aufgestellt werden, dass sie nach dem Abschuss ungehindert aufsteigen kann. Beschädigte Stockraketen sollten nie gezündet werden, da deren Flugbahn unberechenbar ist. Für alle Feuerwerkskörper gilt: niemals einen Versager erneut anzünden! Und niemals auf Menschen oder in Menschenmengen werfen!

Außerdem sollten Knaller auf keinen Fall in Körpernähe aufbewahrt werden. Sie können durch Reibung mit der Kleidung zünden und Verletzungen verursachen.

Jugendliche sollten zudem über den Einfluss von Alkohol im Umgang mit Feuerwerkskörpern aufgeklärt werden. Zwar liegen uns hierzu keine validen Zahlen vor, doch zeigt die Erfahrung, dass ein Zusammenspiel von alkoholhaltigen Getränken und Böllern in der Regel nicht gut endet. Wer es an Silvester unbedingt krachen lassen möchte - nüchtern bleiben!

Weitere Sicherheitstipps hat die Feuerwehr Hamburg übrigens auch im Internet zusammengefasst. Der Link lautet: https://www.hamburg.de/feuerwehr/54006/silvesterfeuerwerk

Was ist mit den Kleinkindern? Wo sollten sie sich während der Knallerei aufhalten?

Kleine Kinder sollten mit Erwachsenen in der Wohnung bleiben und sich das Feuerwerk hinter verschlossenen Fenstern ansehen. Im Zusammenhang mit den verschlossenen Fenstern möchte ich außerdem darauf hinweisen, dass diese genauso wie Türen in der Silvesternacht immer geschlossen bleiben sollten. Andernfalls kann es passieren, dass verirrte Böller oder Raketen im Wohnraum einen Brand verursachen. Gleiches gilt für Fenster und Türen von Kellern, Garagen und Gartenhäuser.

Es ist passiert - ein Kind oder Jugendlicher wurde durch einen Feuerwerkskörper verletzt. Wie sehen jetzt Erste-Hilfe-Maßnahmen aus?

Immer den kostenlosen Notruf 112 wählen, den Rettungsdienst alarmieren und den Anweisungen des Mitarbeiters der Rettungsleitstelle aufmerksam folgen. Wer sich um den Patienten kümmert, sollte versuchen, ihn zu beruhigen und auf keinen Fall alleine lassen. Kleinere Verbrennungen bis Handballengröße sollten gekühlt werden, jedoch nur solange diese Maßnahme als angenehm empfunden wird. Größere Verbrennungen nicht kühlen, da hier die Gefahr einer Unterkühlung besteht. Wunden sollten steril abgedeckt werden. Amputate wie Finger oder Fingerteile sichern und dem Rettungsdienst übergeben.

Welche Verletzungen kommen bei Kindern und Jugendlichen im Umgang mit Feuerwerkskörpern am häufigsten vor?

Die häufigsten Verletzungen im Umgang mit Feuerwerkskörpern sind Brandverletzungen, Knalltraumen, Augenschäden und Verletzungen der Extremitäten. Die kommen allerdings nicht nur bei Kindern und Jugendlichen vor, sondern auch bei den Erwachsenen, hier leider häufig im Zusammenhang mit einem übermäßigem Alkoholkonsum.

Was tun, wenn durch den fehlerhaften Umgang mit Silvesterknallern draußen ein Brand ausgelöst wurde? Wie sollte man sich verhalten?

Die Feuerwehr über den Notruf 112 alarmieren. Wenn ohne Selbstgefährdung möglich - Löschmaßnahmen durchführen. Wenn nicht, umstehende Personen sofort warnen und die Feuerwehr einweisen. Bei einer Lageveränderung - zum Beispiel wenn der Brand droht auf weitere Gebäude überzugreifen - sofort wieder bei der Feuerwehr anrufen.

Und wie sollte man sich verhalten, wenn durch einen fehlerhaften Umgang mit Böllern ein Brand im Wohnbereich ausgelöst wurde?

Auch hier ist die wichtigste Maßnahme das Absetzen eines Notrufs unter der Telefonnummer 112. Wenn ohne Selbstgefährdung möglich, geeignete Löschmaßnahmen einleiten. Es empfiehlt sich auch beim Umgang mit Tischfeuerwerk ein geeignetes Löschmittel, wie zum Beispiel einen Wassereimer, Feuerlöscher oder Löschspray, bereit zu stellen. Ist der Brand zu weit fortgeschritten: umgehend den Raum verlassen, Schlüssel mitnehmen und die Tür schließen. Nachbarn warnen und gemeinsam vor dem Gebäude auf die Feuerwehr warten. Ist durch einen Brand der Treppenraum verqualmt, sofort die Tür schließen und sich auf den Balkon stellen oder sich am Fenster bemerkbar machen. Auf diese Weise kann die Feuerwehr die Personen direkt sehen und retten.

Im Zusammenhang mit Wohnungsbränden: Im November wurden reflektierende Aufkleber verteilt, die das Finden der Kinder im Brandfall erleichtern sollen. Wie werden die sogenannten „Kinderfinder“ bisher von Eltern angenommen?

Die kostenlosen „Kinderfinder" finden großen Absatz und uns erreichen sehr viele Anfragen - nicht nur aus Hamburg und Umgebung. Das ist sehr schön - sind sie doch ein wertvoller Beitrag, um unsere Kleinsten zu schützen und ihnen eine schnellstmögliche Rettung zu ermöglichen. Eltern, die noch keinen Aufkleber haben, können ihn bei uns im Feuerwehr-Informations-Zentrum und in der Hauswache der Feuer- und Rettungswache Berliner Tor erhalten. Alternativ ist er auch bei der Feuerkasse Hamburg oder in City-Haspa-Filialen erhältlich. Alle Infos unter: www.kinderfinder.hamburg

Dennis Diekmann

Pressesprecher der Feuerwehr Hamburg mit dem Dienstgrad „Brandoberinspektor“

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